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Rezension

Dr. Frank Witzel

Wer die Erzählungen von Marlies Eifert und Georg Grimm-Eifert in dem Erzählungsband „Von Paris nach Pento“ gelesen hat, ist gereist, und zwar auf so unterschiedliche und deswegen so anregende Art und Weise, wie es in der Literatur nicht eben häufig geschieht. Nahe und ferne Ziele haben die Reisen, reale Orte kommen ebenso vor wie Fantasie-Orte. Die Autoren schildern Reisen im zwanzigsten und einundzwanzigsten, aber auch im dreiundzwanzigsten Jahrhundert. Und als ob das nicht schon ungeheuer viel wäre, nehmen die Autoren die Leser auch noch auf Reisen in die Antike, das Mittelalter und die frühe Neuzeit mit. Und wie auf realen Reisen lebt man auch während der Lektüre dieser Wort-Reisen ungeheuer intensiv.

Es geht nach Paris und den Fantasieplaneten Pento, der Frankfurter Hauptbahnhof, auf dem die Reisende unfreiwillig eine Nacht verbringen muss, Rotenburg ob der Tauber und Bremen kommen ebenso vor wie Florenz und Barcelona. Hier geht es um die Kalifornienträume von Jugendlichen, dort um einen Ostfriesen in Algerien. Viele Kilometer, und noch sensationeller eben, durch Jahrtausende, reist der Leser ins antike Rom und das antike Thessalien. Nach Hameln geht es in der Zeit, als die Legende des Rattenfängers spielt, ebenso wie weit in die Zukunft, nämlich ins 23. Jahrhundert, von wo es wiederum auf große Zeitreise ins antike Persien nach Ekbatana geht.


Erzähltechnisch sind die Kurzgeschichten brillant. Auf kleinstem Raum entstehen ganze Welten. Erzähldetails werden eingeführt, die an anderer Stelle wieder aufgenommen werden. Nichts steht zufällig da, sondern wird an anderer Stelle wieder aufgenommen. Auf diesem Gebiet ist vor allem Marlies Eifert eine Meisterin, eine Plot-Meisterin nämlich. Auch kann sie sich in so unterschiedliche Charaktere wie kriminelle Jugendliche versetzen oder eben die vom antiken Persien inspirierte Anna, die sich nicht mehr ans stumpfe, seelenlose Funktionieren in einer Kommune im 23. Jahrhundert anpassen will und kann. Bewundernswert ist auch der Reichtum an Sprachcodes, über den Marlies Eifert verfügt. Dieser reicht eben von der Sprache der kriminellen Jugendlichen, und das sehr authentisch, bis zur der Sprache der rebellierenden, tanzenden und dichtenden Anna in der seelentoten Funktions-Kommune. Eine den Erzählband bereichernder Kontrapunkt gibt es durch den immer wieder aufblitzenden Humor und den Sinn fürs Skurrile und Groteske in den Geschichten Georg Grimm-Eifert. Sowohl, was den Inhalt seiner Geschichten angeht, wie auch in seiner Sprache. Schon in „Paris“, der ersten Geschichte, wird diese Qualität sichtbar. Im zweiten der dort versammelten zwei Berichte befindet sich der Ich-Erzähler Anfang der sechziger Jahre in Paris und wundert sich, warum der Platz der Platz vor Notre Dame, der sonst vor Leuten nur so wimmelt, so gut wie leer ist. Etwas komisch kommt ihm die Sache schon vor. Deswegen geht er zu zwei Polizisten und zeigt vorsichtshalber seinen Ausweis. Als sie ihm, nachdem sie etwas miteinander besprochen hatten, seinen Pass wieder geben, kann er in aller Seelenruhe fast allein die berühmte Kathedrale besichtigen. Später erfährt er, dass de Gaulle die Bürger aufgefordert hatte, zu Hause zu bleiben, weil eine Gruppe von Militärs versuchte, gegen ihn, de Gaulle, zu putschen. Der Simplicissimus aus Deutschland jedoch wusste davon nichts und kommt so zu einem einmaligen Besuch von Notre Dame. Noch skurriler und auch bei weitem wüster geht es in der Geschichte „Barcelona Kick – Fotosafari“ zu. Davon sei an dieser Stelle aber nichts verraten.

Rund um Handlungshöhepunkte in den Geschichten scheint, mal sanft und zurückhaltend, mal drastisch und entschieden, das auf, was im stupiden, seelenlosen Funktionieren in Wirtschaft und Alltagsleben oft an den Rand gedrängt oder plattgewalzt wird, das intensive, zweckfreie und also poetische Erleben von Landschaften und Städten. Damit in unmittelbaren Zusammenhang steht ein meistens ebenso sanfter und unaufdringlicher, mal aber auch wild-poetischer Protest gegen die Marginalisierung derjenigen, die sich dieser Verzweckung und Entseelung des Lebens widersetzen.

Am Ende von „Anahita“ der großartigen Geschichte der Tänzerin und Visionärin Anna, die nach der Zeitreise ins antike Ekbatana aus all diesem ausbricht, heißt es ganz explizit: „Annas Weg: Könnten wir nicht auch??“

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